Beobachtungen im Eingangsbereich V: Ein Tastgemälde als Einladung
„Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände.“ Seit Mai 2026 besitzt das Dom-Museum ein Tastgemälde für Blinde. Geschaffen hat das Werk der Künstler Peter Schwartz.
Als Einladung an alle Besucher ist das Tastgemälde vor dem Haupteingang des Dom-Museums platziert. In Brailleschrift kann man sich zudem über den Schmerzensmann von Lukas Cranach und das Dom-Museum informieren. Wir waren gespannt. Wie wird die Resonanz der Menschen im Dom auf dieses Tastgemälde sein?
Fast alle Besucher vor dem Museum nehmen das Kunstwerk wahr. Blinde Menschen besuchen den Dom häufig mit „sehenden“ Begleitern. In diesen Fällen steht die Gruppe lange vor dem Kunstwerk. Man ertastet den Schmerzensmann, spricht in der Gruppe über das Kunstwerk, wie es der oder die einzelne empfinde und wahrnimmt. Ein Dialog der Wahrnehmungen von „Sehen“ versus „Tasten“ bzw. „Spüren“. Der Schmerzensmann wird dadurch im gegenseitig unterschiedlichen Wahrnehmen erlebt.
„Kommen auch blinde Menschen, für die das Kunstwerk geschaffen wurde?“ Eine Frage die erstaunlich bewegt und vielleicht ausdrückt, dass sich das Kunstwerk schnell herumsprechen möge. Die Frage stellen immer wieder Besucher, die das Kunstwerk berühren, seine Formen ertasten und ihre Fingerkuppen über die wechselnden Oberflächenstrukturen gleiten lassen. Andere „sehende“ Besucher bleiben oft andächtig stehen, wenn sie eine solche Gruppe beobachten, und lauschen der Diskussion. Vielleicht versuchen sie, die Wahrnehmungen der blinden Menschen nachzuempfinden. Oft berühren sie anschließend das Tastgemälde mit geschlossenen Augen, um das Gespürte mit dem Gesehenen abzugleichen. So bewegen sie sich ein klein wenig in der Welt der blinden Menschen. Der dreidimensionale und haptisch erlebbare Schmerzensmann eröffnet dadurch einen „Blick“ auf die Welt der blinden Menschen, deren „Sehen“ aus dem „Tasten“ besteht. Zu wünschen ist, dass es solche Wahrnehmungen auch immer dann gibt, wenn „sehende“ Betrachter das dreidimensionale Kunstwerk selbst ertasten, ohne dass ihnen zuvor ein blinder Besucher quasi den Zugang zum Kunstwerk gezeigt hat.
Peter Schwartz gestaltete den Schmerzensmann von Lukas Cranach, eines der bedeutendsten Werke des Dom-Museums, in dreidimensionaler Form aus Holz. Hierfür waren genaue Berechnungen und präzise Fräsarbeiten im Holz notwendig, um das zweidimensionale Bild in eine dreidimensionale Form zu übertragen. Auf diese Weise soll der optische Charakter des Werkes haptisch spürbar werden. Das Sinnesorgan „Haut“ empfindet die Figur anders als das Auge – die Dornenkrone sticht, der Himmel wölbt sich dem figürlichen „Betrachter“ in weichen Wolken entgegen.

Schmerzensmann von Lucas Cranach als Tastgemälde im Dom-Museum Bremen